Künstliche Bonität
1. Überblick
In einer DCF-Analyse werden künftige Cash Flows mit den Opportunitätskosten des eingesetzten Kapitals abgezinst. Ein Bestandteil davon sind die Fremdkapitalkosten: der Zins, den ein Unternehmen für neues Fremdkapital zahlen müsste. Dieser setzt sich zusammen aus dem risikolosen Zins und einem Kreditaufschlag, den Gläubiger als Ausgleich für das Ausfallrisiko verlangen.Wie hoch dieser Aufschlag ausfällt, hängt davon ab, wie sicher ein Unternehmen seine Zinsen bedienen kann. Wer seine Zinslast locker aus dem operativen Ergebnis deckt, zahlt weniger als jemand, bei dem es knapp wird. Genau diese Beziehung nutzen wir: Aus der beobachteten Zinsdeckung schätzen wir eine Bonitätsklasse und daraus den Kreditaufschlag.
✅ Key Takeaways - Künstliche Bonität
- Schätzt aus der Zinsdeckung der letzten drei Geschäftsjahre eine Bonitätsklasse und den zugehörigen Kreditaufschlag
- Jüngere Geschäftsjahre werden mit den Faktoren 3, 2 und 1 stärker gewichtet als ältere
- Drei Tabellenvarianten je nach Unternehmensgröße und Zugehörigkeit zum Finanzsektor
- Dient allein der Herleitung der Fremdkapitalkosten im Modell
- In der Analyse jederzeit durch eine eigene Einschätzung oder ein tatsächliches Agentur-Rating ersetzbar
- Keine Bonitätsbeurteilung durch Takani
2. Berechnung der effektiven Zinsdeckung
Die Zinsdeckungsrate eines einzelnen Jahres schwankt stark, ein einmaliger Sondereffekt im EBIT oder eine große Refinanzierung genügt. Wir betrachten deshalb die letzten drei Geschäftsjahre und gewichten sie mit den Faktoren 3, 2 und 1, sodass das jüngste Jahr am stärksten zählt: $$\mathrm{Zinsdeckung}_{\mathrm{eff}} = \frac{3\cdot\mathrm{EBIT}_{t} + 2\cdot\mathrm{EBIT}_{t-1} + 1\cdot\mathrm{EBIT}_{t-2}}{3\cdot\mathrm{Zins}_{t} + 2\cdot\mathrm{Zins}_{t-1} + 1\cdot\mathrm{Zins}_{t-2}}$$ wobei$t:$ aktuelles Jahr
$\mathrm{EBIT}:$ operatives Ergebnis des jeweiligen Geschäftsjahres
$\mathrm{Zins}:$ Zinsaufwand des jeweiligen Geschäftsjahres
Gewichtet werden Zähler und Nenner getrennt, also die EBIT- und die Zinsreihe, und erst danach dividiert.
3. Zuordnung zu Bonitätsklasse und Kreditaufschlag
Die effektive Zinsdeckung ordnen wir über eine feste Tabelle einer Bonitätsklasse in S&P-Notation zu. Jeder Klasse ist ein Kreditaufschlag hinterlegt, der anschließend in die Fremdkapitalkosten und damit in den WACC eingeht. Es gibt drei Varianten der Tabelle, weil dieselbe Zinsdeckung je nach Unternehmenstyp unterschiedlich zu lesen ist (siehe Abschnitt 4).| Klasse | Große Unternehmen | Kleinere Unternehmen | Finanzsektor | Kreditaufschlag |
|---|---|---|---|---|
| D | ≤ 0,20 | ≤ 0,50 | ≤ 0,05 | 19,00 % |
| C | 0,20 – 0,65 | 0,50 – 0,80 | 0,05 – 0,10 | 16,00 % |
| CC | 0,65 – 0,80 | 0,80 – 1,25 | 0,10 – 0,20 | 12,61 % |
| CCC | 0,80 – 1,25 | 1,25 – 1,50 | 0,20 – 0,30 | 8,85 % |
| B- | 1,25 – 1,50 | 1,50 – 2,00 | 0,30 – 0,40 | 5,09 % |
| B | 1,50 – 1,75 | 2,00 – 2,50 | 0,40 – 0,50 | 3,21 % |
| B+ | 1,75 – 2,00 | 2,50 – 3,00 | 0,50 – 0,60 | 2,75 % |
| BB | 2,00 – 2,25 | 3,00 – 3,50 | 0,60 – 0,75 | 1,84 % |
| BB+ | 2,25 – 2,50 | 3,50 – 4,00 | 0,75 – 0,90 | 1,38 % |
| BBB | 2,50 – 3,00 | 4,00 – 4,50 | 0,90 – 1,20 | 1,11 % |
| A- | 3,00 – 4,25 | 4,50 – 6,00 | 1,20 – 1,50 | 0,89 % |
| A | 4,25 – 5,50 | 6,00 – 7,50 | 1,50 – 2,00 | 0,78 % |
| A+ | 5,50 – 6,50 | 7,50 – 9,50 | 2,00 – 2,50 | 0,70 % |
| AA | 6,50 – 8,50 | 9,50 – 12,50 | 2,50 – 3,00 | 0,55 % |
| AAA | > 8,50 | > 12,50 | > 3,00 | 0,40 % |
Bonitätsklassen und Schwellenwerte folgen der Datensammlung der NYU Stern School of Business — für große Unternehmen und den Finanzsektor der allgemeinen Ratingtabelle, für kleinere Unternehmen einer gesonderten Tabelle. Die Kreditaufschläge entnehmen wir in allen drei Fällen der allgemeinen Tabelle und ziehen sie mit deren Aktualisierung nach.
4. Warum drei Tabellen
Unternehmensgröße. Große, etablierte Unternehmen haben in der Regel stabilere Erträge und besseren Kapitalmarktzugang. Bei ihnen gilt dieselbe Zinsdeckung als weniger riskant als bei einem kleinen Unternehmen, dessen Ergebnis stärker schwankt. Die Schwellen liegen daher niedriger. Die Grenze verläuft bei einer Marktkapitalisierung von 5 Mrd. (umgerechnet in die Berichtswährung des Abschlusses). Finanzsektor. Bei Banken, Versicherern und ähnlichen Geschäftsmodellen ist Fremdkapital Teil des operativen Geschäfts und nicht bloß Finanzierung. Zinsaufwand ist dort strukturell hoch, die Zinsdeckung entsprechend niedrig — mit den allgemeinen Schwellen bekäme praktisch jede Bank eine Ramschklasse. Deshalb gilt für diese Branchen eine eigene, deutlich niedrigere Skala.⚠️ Finanzsektor: DCF bleibt schwierig
Die eigene Tabelle macht die Bonitätsschätzung für Finanzwerte plausibler, löst aber nicht das grundsätzliche Problem: Standard-DCF-Annahmen passen für diese Unternehmen ohnehin schlecht. In der Regel ist hier das Dividend Discount Model (DDM) das geeignetere Bewertungsmodell.
5. Abgrenzung: keine Bonitätsbeurteilung
Die künstliche Bonität ist ein Rechenwert innerhalb unseres Bewertungsmodells. Sie dient ausschließlich dazu, aus öffentlich verfügbaren Bilanz- und GuV-Daten einen plausiblen Kreditaufschlag herzuleiten. Sie ist keine Aussage darüber, ob ein Unternehmen kreditwürdig ist, und für keinen anderen Zweck gedacht oder geeignet.📖 Unterschied zu einem Rating einer Ratingagentur
- Eine Kennzahl statt einer Beurteilung. Unsere Zuordnung nutzt genau eine Größe: die Zinsdeckung. Eine Agentur beurteilt zusätzlich Liquidität, Fälligkeitsprofil, Covenants, strukturelle Nachrangigkeit, Branchenausblick, Wettbewerbsposition, Management, etc.
- Mechanik statt Urteil. Das Ergebnis folgt vollständig aus der oben angegebenen Formel und Tabelle — es ist nachrechenbar und enthält keine Einschätzung von Takani.
6. Grenzen der Methode
Die Zuordnung über die Zinsdeckung bildet den Zusammenhang zwischen Ertragskraft und Kreditkonditionen im Mittel gut ab. Für ein einzelnes Unternehmen kann sie in beide Richtungen danebenliegen: Zwei Unternehmen mit identischer Zinsdeckung können sich in Verschuldungsstruktur, Liquidität und Geschäftsrisiko deutlich unterscheiden. Die künstliche Bonität ist deshalb als Ausgangswert gedacht, nicht als Endergebnis — genau dafür lässt sie sich in der Analyse anpassen.⚠️ Wann die Schätzung nicht trägt
- Kein oder kaum Zinsaufwand. Ein praktisch schuldenfreies Unternehmen erreicht rechnerisch eine beliebig hohe Zinsdeckung und landet automatisch in der Bestklasse. Das ist plausibel, aber wenig aussagekräftig — mangels Fremdkapital ist der Kreditaufschlag dann ohnehin kaum relevant.
- Verlustjahre. Ist die gewichtete EBIT-Summe negativ, fällt das Ergebnis in die unterste Klasse, auch wenn das Unternehmen über hohe Liquiditätsreserven verfügt.
- Zeitverzug. Das Dreijahresfenster glättet Ausreißer, reagiert dafür aber langsam. Eine Verschlechterung im laufenden Jahr schlägt erst mit den nächsten Abschlüssen durch.
- Zyklische Geschäftsmodelle. Am unteren Ende eines Zyklus fällt die Zinsdeckung, ohne dass sich die langfristige Schuldentragfähigkeit geändert hätte.
- Nur Vergangenheitsdaten. Bekannte künftige Ereignisse — auslaufende Anleihen, angekündigte Übernahmen, Kapitalmaßnahmen — fließen nicht ein.